Niedersachsens Schulen brauchen mehr Lehrkräfte
Hans-Jürgen Vogel, ehemaliger Vorsitzender des Landeselternrats und derzeit Vorstandsmitglied, hat mit anderen Elternvertretern aus dem Raum Braunschweig die Volksinitiative Unterrichtsqualität gegründet. die EuW, Zeitung der GEW Niedersachsen, hat ihn hierzu interviewt.
EuW: Herr Vogel, der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Klare hat Ende Dezember die Behauptung des Kultusministers bekräftigt, die Zahl der Lehrkräfte sei so hoch wie nie, die Unterrichtsversorgung betrage fast 100 Prozent und es gäbe keinen vernünftigen Grund zur Unzufriedenheit. Was sagen Sie dazu?
Vogel: Die Regierung und ihre Fraktionen scheinen die Schulstatistik zu ignorieren. Die durchschnittlichen Klassenfrequenzen an Gymnasien, Realschulen und Gesamtschulen sind so hoch, dass man in der Statistik lange zurückgehen muss, um vergleichbare Werte zu finden – bis in die Mitte der 80er Jahre. In den letzten Jahren ist die durchschnittliche Klassengröße in diesen Schulformen um zwei Schüler gestiegen. Die realen Klassengrößen betragen an vielen Schule 30 und mehr. Dadurch werden die Lernchancen für die Schülerinnen und Schüler stark beeinträchtigt und die Arbeitsbelastung der Lehrerinnen und Lehrer steigt erheblich, auch durch die höhere Zahl von Korrekturen. Aus diesem Grund fordern wir, Obergrenzen festzulegen: 25 für Gymnasien und Realschulen, 24 für die IGS und 22 für Grund- und Hauptschulen. Dies Ziel ist nicht in einem Jahr zu erreichen, aber binnen einer Legislaturperiode müsste ein großer Schritt in diese Richtung erreicht werden. In zehn Jahren muss er vollständig umgesetzt sein.
EuW: Was sagen Sie zu den fast 100 Prozent Unterrichtsversorgung?
Vogel: Ich bin ja lange im Geschäft als Elternvertreter. Die statistischen Berechnungsformel wurde schon öfter neu festgesetzt. Die Prozente besagen nicht viel. Die derzeitige 100-prozentige Unterrichtsversorgung deckt die in der Schule notwendige pädagogische Arbeit nicht ab. So wurden an den Schulen neue Konzepte für individuelle Förderung entwickelt, aber alle kranken daran, dass es dafür keine Stundenzuweisungen gibt. Stundenzuweisungen über die Erfüllung der Stundentafel hinaus sind erforderlich, wenn die individuelle Förderung ernst gemeint ist. Mit der Zuweisung von Budgets für die Förderung der Schülerinnen und Schüler an den 9. Klassen der Gymnasien hat der Kultusminister zugegeben, dass das vorhandene Personal nicht ausreicht.
EuW: Aber die Schulen haben doch Poolstunden zugewiesen bekommen, mit denen Fördermaßnahmen abgesichert sein sollen?
Vogel: Die zwei Poolstunden pro Klasse sind fünf mal verplant. An Gymnasien und Gesamtschulen z.B: für die dritte Fremdsprache im Wahlbereich, für Arbeitsgemeinschaften, für Unterrichtsausfall, für die Arbeit der Klassenlehrer. Die Poolstunden reichen hinten und vorne nicht. Diese Aufgaben können nicht nebenbei von Hilfskräften erledigt werden. Dafür brauchen die Schulen gut ausgebildete zusätzliche Lehrkräfte. Der Unterrichtsausfall beträgt nach unseren Berechnungen bis zum 10. Jahrgang ein Schuljahr. Auch aus diesem Grund fordern wir die zusätzlichen Lehrkräfte.
EuW: Kommen wir noch einmal auf die Aussage der Regierung zurück, es hätte in Niedersachsen noch nie so viele Lehrkräfte gegeben wie im Jahre 2008.
Vogel: Dazu habe ich zwei Anmerkungen. Erstens: Ein erheblicher Anteil der Lehrkräfte ist gar nicht in den Schulen zu finden. Nach dem Personalabbau in der Landesschulbehörde wurden zahlreiche Schulleiter mit Aufgaben der Schulaufsicht beauftragt, ohne diese Maßnahme wäre dort die Arbeit zusammengebrochen. Auch für die neu eingerichtete Inspektion wurden Lehrkräfte abgezogen. Wo nun endlich ein Unterstützungssystem für die Schulen aufgebaut wird, ich verweise nur auf die Unterrichtstrainer, werden zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer für diese aus unserer Sicht notwendige Arbeit freigestellt. Für alle diese Aufgaben außerhalb der Schulen wir ein statistisch erheblicher Teil von Lehrkräften außerhalb der Schulen beschäftigt. Zweitens: Zu Recht wurden vom Ministerium pädagogische Aufgaben eingeführt, die es vorher nicht oder nicht in diesem Umfang gab, z.B. Sprachförderung und Ganztagsschulen. Wenn es politisch gewollt ist, dass diese Aufgaben von Lehrerinnen und Lehrern wahrgenommen werden, dann müssen nach unserer Auffassung dafür auch zusätzliche Einstellungen vorgenommen werden.
EuW: Die GEW hat schlechte Erfahrungen mit Forderungen der Elternschaft nach Verhinderung des Unterrichtsausfalls und Erhöhung der Stundenzahl für die Schülerinnen und Schüler. Diese wurden nämlich von der Regierung gerne benutzt, um die Arbeitszeit der Lehrkräfte zu erhöhen.
Vogel: Unsere Volksinitiative will dafür sorgen, die Lehrerinnen und Lehrer entlastet und nicht stärker belastet wird. Wir sagen es deutlich: Jede Form der Verlängerung der Arbeitzeit lehnen wir ab. Wir Eltern erwarten eine qualitätvolle pädagogische Arbeit. Eine zu hohe Arbeitsbelastung führt bei den Lehrkräften zu Demotivation. Aus diesem Grund will unsere Volksinitiative eine effektive Entlastung erreichen und die Arbeit auf mehr Köpfe verteilen. Auch die Belastungen, die durch die Einführung der Eigenverantwortlichen Schule verursacht wurden, müssen abgebaut werden.
EuW: Sie fordern in diesem Zusammenhang mehr Verwaltungspersonal an den Schulen.
Vogel: In der Behörde hatten Fachleute regelmäßig mit Verwaltungsaufgaben zu tun, die nun auf die Schulen verlagert sind und dort mehr Arbeit verursachen, als wenn deren Erledigung bei der Schulbehörde geblieben wären. Diese Aufgaben sind jetzt den Schulleitungen übertragen worden und von diesen häufig auch auf Lehrkräfte. Mit mehr Verwaltungspersonal meinen wir nicht, dass an jede Schule ein Verwaltungsinspektor kommt. Vielen Schulen wäre auch geholfen, wenn die Stunden für die Schulsekretärinnen aufgestockt würden, um einen Teil der Aufgaben zu erledigen, die den Schulen übertragen wurden. Die Schulträger müssen dafür allerdings vom Land finanziell entlastet werden.
EuW: Können Sie den erforderlichen Personalbedarf beziffern, der zur Absicherung Ihrer Forderungen notwendig ist?
Vogel: Wir fordern für die nächste Legislaturperiode, dass alle Stellen erhalten bleiben. Nicht nur 2007 und 2008, wie der Ministerpräsident zugesagt hat, muss der geplante Abbau von 400 Stellen pro Jahr ausgesetzt werden, sondern für die gesamte Legislaturperiode. Nur so kann der langsame Rückgang der Schülerzahlen für pädagogische Verbesserungen genutzt werden. Darüber hinaus ist es erforderlich, dass mindestens 2.000 zusätzliche neue Stellen geschaffen werden. Darum fordert die Volksinitiative, dass der Landtag die Finanzmittel für das Bildungsresort deutlich erhöht.
EuW: Nun sagt die Regierung, selbst wenn genug Geld für diese Stellen vorhanden wäre, gäbe es auf dem Lehrermarkt gar nicht das erforderliche Angebot an qualifiziertem Nachwuchs.
Vogel: In der Tat registrieren wir einen Mangel an Lehrkräften in verschiedenen Fächern. Aus unserer Sicht trägt diese Regierung wie auch die vorherigen dafür eine Verantwortung. Sie muss dafür sorgen, dass der Lehrerberuf gerade für Berufsanfänger finanziell attraktiv genug ist und dass die pädagogische Arbeit nicht zu sehr belastet.
EuW: Welche Erwartungen haben Sie an die GEW?
Vogel: Nur Eltern und Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam haben eine Chance, eine Verbesserung der pädagogischen Arbeitsbedingungen zu erreichen. Darum begrüßen wir es, wenn die Volksinitiative im ganzen Land von Lehrerinnen und Lehrern unterstützt wird. Mein Appell: Besuchen Sie unsere Homepage: www.volksinitiative-unterrichtsqualitaet.de, laden Sie die Unterschriftenlisten, sammeln Sie – möglichst getrennt nach Samtgemeinden wegen der notwendigen Bestätigung – und schicken Sie uns die ausgefüllten und von Ihrer Gemeinde bestätigten Listen. Zeit dafür ist bis Ende März. Wenn wir genug Unterschriften haben, muss sich der Landtag mit unseren Forderungen befassen.
Quelle:
http://www.gew-nds.de/E_W/jan08/08.pdf
EuW, Zeitung der GEW Niedersachsen, 01/2008












