Wann immer seit Pisa über modernen Unterricht diskutiert wird, ist Finnland das Vorbild. Schon die Bildungsprinzipien des zweifachen Pisa-Siegers unterscheiden sich erheblich von denen hierzulande, und entsprechend anders gestaltet sich der Schulalltag – mit vielfältigen Angeboten statt reglementiertem Druck, mehreren Lehrern im Klassenzimmer und Schülern, die sich selbst bewerten.
Wann immer seit Pisa über modernen Unterricht diskutiert wird, ist Finnland das Vorbild. Schon die Bildungsprinzipien des zweifachen Pisa-Siegers unterscheiden sich erheblich von denen hierzulande, und entsprechend anders gestaltet sich der Schulalltag – mit vielfältigen Angeboten statt reglementiertem Druck, mehreren Lehrern im Klassenzimmer und Schülern, die sich selbst bewerten.
Ein Grundstein für den finnischen Schulerfolg wird in der Lehrerausbildung gelegt, wie sie am Institut für Angewandte Erziehungswissenschaften der Universität Helsinki stattfindet. Dessen Direktor Matti Meri bildet seit elf Jahren Lehrer aus; zuvor unterrichtete der 63-Jährige selbst 30 Jahre lang Schüler bis zur siebten Klasse.
In Finnland sehen schon die meisten Schulgebäude modern und transparent aus. Woran liegt das?
Matti Meri: Wohl daran, dass bei uns die besten Architekten auch Schulen entwerfen. Sie tun dies aber nicht alleine, sondern zusammen mit Lehrern, Eltern und älteren Schülern. Die großen Schulen hatten früher auch in Finnland das Flair von Krankenhäusern. Jetzt glauben wir, dass es außer dem Klassenzimmer Flächen geben muss, in denen die Kinder ihrer Fantasie freien Lauf lassen oder sich ausruhen können.
Wie sehen solche Flächen aus?
Natürlich sind die Schüler vor allem in ihrem Klassenzimmer, aber man sollte den Unterricht so weit wie möglich individualisieren. In kleinen Studierzimmern kann in Ruhe arbeiten, wer das möchte. Zwischendurch können die Kinder in einer Art Wohnzimmer entspannen, wo auch Bücher oder Computer stehen.
Draußen ist ein Garten sehr viel besser als ein leerer Schulhof oder viele Spielgeräte. Und natürlich ist die Mensa ein wichtiger Ort zum Essen und Kommunizieren. In Finnland dient die Schule auch als Veranstaltungsort, auf diese Weise kommen die Eltern öfter in die Schule.
Das tun sie vermutlich aber auch, weil sie gesetzlich zur Zusammenarbeit mit den Lehrern verpflichtet sind.
Genau, wir sprechen dabei von pädagogischer Autorität, die bei uns verteilt ist. Bildung ist eine Angelegenheit, die alle angeht: den Staat, die Schule, die Eltern und natürlich die Schüler. Wir vertrauen uns gegenseitig: Die Lehrer den Bildungsrichtlinien, und im Bildungsministerium hört man den Eltern und Lehrern zu. Die Eltern vertrauen den Schulen und die Lehrer vertrauen den Schülern.
Klingt paradiesisch – aber auch nach viel Kommunikationsarbeit.
Das mag schon sein, aber diese Zusammenarbeit ist für uns eigentlich ganz selbstverständlich. Das liegt vielleicht daran, dass wir nur fünf Millionen Einwohner sind. In einem so dünn besiedelten Land waren wir schon immer auf unsere Nachbarn angewiesen. Wir haben erfahren, dass wir sehr viel durch Gespräche lernen.
Wie wird der Austausch zwischen Eltern und Lehrern organisiert?
Eltern, Lehrer und ältere Schüler erstellen zu Beginn des Schuljahres einen Studienplan, der die Ziele festhält, die sie in diesem Jahr erreichen wollen. Das ist gesetzlich so geregelt.
Nach einem halben Jahr setzt man sich wieder zusammen oder öfter, wenn es nötig ist. Der Vorteil der gemeinsamen Arbeit am Studienplan ist, dass alle mit den Zielsetzungen einverstanden sind.
Es gibt im finnischen System wenig Zwang, dafür umso mehr Angebote, etwa den kostenlosen Kindergartenbesuch. Eingeschult werden die Kinder erst mit sieben Jahren.
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder mit sieben stabil genug sind. Sie lernen dann schnell lesen und schreiben. Unsere Sprache ist allerdings auch so beschaffen, dass man sie leicht lernt – man schreibt, wie man spricht.
Wie werden lernschwache und behinderte Schüler gefördert?
Früher hatten wir Sonderschulen, heute versuchen wir, so integrativ wie möglich zu arbeiten. Alle Kinder sind in derselben Klasse, und Sonderpädagogen, Schulpsychologen und andere Experten kommen dorthin.
Das Schöne ist: Die Kinder finden es ganz normal, dass einem anderen Kind geholfen wird. Ihm selbst wird ja auch geholfen, wenn es Schwierigkeiten hat.
In Deutschland nimmt jeder vierte Schüler privaten Nachhilfeunterricht.
Dazu fällt mir noch ein großer Unterschied zwischen deutschen und finnischen Schulen ein: Noten gibt es bei uns erst ab der siebten Klasse. Und Sitzenbleiben ist in Finnland fast unmöglich. Die Schüler sollen sich selbst evaluieren. Am Ende einer Schulstunde muss jeder beurteilen können, was er gelernt hat, was nicht und warum nicht.
Ist das realistisch? Können Grundschüler reflektieren, warum sie etwas nicht gelernt haben?
Oh ja, das können sie bereits in der ersten Klasse. Wenn die Kinder sagen, dass sie nichts verstanden haben, wird der Lehrer nicht böse. Da sitzen ja nicht nur Dummköpfe in der Klasse! Der Lehrer muss sich eingestehen, dass er etwas falsch unterrichtet hat.
Und das lernt er schon im Studium, in dem der Schwerpunkt ja nicht in der Wissensvermittlung liegt, sondern auf der Ausbildung zu Erziehern?
Ja. Wir meinen, jeder Lehrer soll nicht nur den Lernstoff behandeln, sondern selbstständig denken und auch begründen, wie er unterrichtet. Psychologie, Soziologie und Didaktik sind die Kernfächer im Studium.
Es ist nicht einfach, den Unterricht individuell zu gestalten. Dennoch wundert es mich, dass Lehrer außerhalb Finnlands häufig Klassen statt Schüler unterrichten. Es geht doch darum, die für die Lehrer und die Schüler passende Methode zu finden.
Stehen finnische Lehrer nie unter Druck, den Lehrplan erfüllen zu müssen?
Es gibt einen Rahmenlehrplan für das ganze Land, der Lernziele enthält, wenig Inhalte und keine Lernmethoden. Die Schulen schreiben dann ihren eigenen Lehrplan. Auch das passiert gemeinsam mit den Eltern und älteren Schülern, wodurch die Pläne von Fall zu Fall stark variieren.
Allerdings sind die Lernergebnisse von Schule zu Schule sehr ähnlich – das hat auch uns überrascht. Wir fragen uns natürlich, woran das liegt. Möglicherweise auch daran, dass jeder Lehrer am besten in seinem eigenen Stil unterrichtet und am besten weiß, wie seine Schüler lernen.
Bis zur zehnten Klasse werden finnische Schüler zusammen unterrichtet. Gibt es in diesem System Fachlehrer?
Wir bilden Klassenlehrer und Fachlehrer aus. In der Lehrerausbildung steht allerdings immer die Didaktik im Vordergrund. Die Fragestellungen lauten: Wie unterrichtet man Mathematik in den Klassen eins bis sechs?
Oder im Fach Musik: Wie erreiche ich, dass die Kinder Flöte spielen? Es reicht nicht, dass der Lehrer das Instrument beherrscht. Klassenlehrer müssen alle Fächer bis zur siebten Klasse unterrichten können. Die Fachlehrer können zusätzlich zwei, wie wir sagen, "kurze" Fächer oder ein "langes" wählen. Wählen sie ein "langes", dürfen sie dieses Fach auch in den Klassen sieben bis neun unterrichten.
In Finnland gibt es drei Mal so viele Bewerber für das Lehramtstudium wie Studienplätze. Welche Voraussetzungen muss jemand mitbringen, um überhaupt einen Platz zu bekommen?
Interaktion finden wir sehr wichtig. Das meint nicht nur, dass jemand ohne Hemmungen vor Publikum spricht, sondern auch, dass er ein guter Zuhörer ist. Und die Bewerber sollten tolerant sein. Im Schulalltag gibt es immer wieder zwischenmenschliche Probleme. Solche Situationen sollten sie analysieren können und dann angemessen reagieren.
Wie testen Sie diese Fähigkeiten?
In Gruppen- und Einzelgesprächen. Wir versuchen herauszufinden, wie stabil die Persönlichkeit der Bewerber ist und wie stabil ihr Wunsch, Lehrer zu werden.
Sie sollen sich nicht in den Vordergrund spielen, sondern einfach erzählen, warum sie Lehrer werden wollen, möglichst auf eine lebendige, aber ruhige Weise, auch kritisch gegenüber sich selbst.
Es ist auch wichtig, nicht in Fächergrenzen zu denken. Meiner Meinung nach wird es bald keine Schulfächer mehr geben. In Finnland gibt es schon jetzt viel fächerübergreifenden Unterricht. Die Tendenz geht dahin, Phänomene zu unterrichten. In Finnland wird diskutiert, ob nicht in Physik oder Chemie viel Wissen gelehrt wird, das die Jugendlichen nicht anwenden können.
In Deutschland sind viele Lehrer mit fünfzig Jahren ausgebrannt und werden vorzeitig pensioniert.
Vermutlich weil sie kein Mittel haben, um schwierige Situationen zu lösen. Dann geht die Motivation verloren. In Finnland versuchen wir das dadurch zu vermeiden, dass Lehrer zunehmend zu zweit oder zu dritt in einer Klasse arbeiten.
So können sie gemeinsam Probleme lösen. Das ist jedoch bei den älteren Lehrern auch schwierig. Einige kommen in die Klasse und machen schnell die Tür zu. Lehrer sind auch in Finnland lange Zeit Einzelkämpfer gewesen.
Sie waren fast dreißig Jahre lang Klassenlehrer. Unterrichten Sie heute noch manchmal selbst?
Ja, ab und zu unterrichte ich kleinere Kinder vor meinen Studenten. Ich denke, es würde helfen, wenn jeder Lehrer ab und zu ein Weiterbildungsjahr einlegen könnte oder zumindest auch einmal an einer anderen Schule unterrichtet. So etwas kann die Kräfte und die Motivation enorm steigern.
Montag, 28.08.2006
Quelle: Braunschweiger Zeitung (newsclick.de)
Tags: Bildungsstudien




