Die Eltern des Gymnasium Adolfinum in Bückeburg schreiben:
Sehr geehrte Frau Heister-Neumann, sehr geehrte Herren,
- es sind nach unserem Dafürhalten genug amtliche Schreiben gewechselt worden,
- es sind genug Klarstellungen auf statistischer Basis ausgetauscht worden,
- es sind genug Beschwerden sachgerecht bearbeitet und beantwortet worden,
- es sind genug Dementis auf dem Dienstwege zur Kenntnis genommen worden,
- es sind genug unsachliche Anschuldigungen zurückgewiesen worden,
- es sind längst auch genug öffentliche Bekenntnisse zugunsten unserer Jugend abgegeben worden!
Wir wollen dieses Papier nicht verstanden wissen als einen weiteren Arbeitsbeschaffungsmissgriff, sondern als den ersten Schritt der betroffenen Lobby unserer Kinder, die jenseits von Besitzstandwahrern oder Verbandsdirektiven hin zu einer unmissverständlichen Sprache, ungeschminkt und laut die eine Frage beantwortet sehen möchte: wer kann guten Gewissens auch nur einen Tag weiter die miserable Unterrichtsversorgung und Ausstattung in unseren Schulen schön reden wollen (und wahrlich nicht nur im Schaumburger Land allein!)?
Denn die statistische Unterrichtsversorgung mit virtuellen Lehrern reicht nicht aus, um den derzeitigen Jahrgängen nach acht Jahren ein erfolgreiches Abitur zu ermöglichen: angesichts einer veränderten Jugend mit anderen Denk! und Sehgewohnheiten als noch vor zehn Jahren, sind Klassengrößen mit über 30 SchülerInnen und zunehmender Unterrichtsausfall nicht nur völlig kontraproduktiv, sondern in der Tat unverantwortlich.
Sie verweigern also, sehenden Auges, der nach!wachsenden Generation nicht nur die in der Verfassung festgeschriebene Chancengleichheit, sondern setzen sie auch im europäischen Maßstab leichtfertig einer Konkurrenz aus, der sie nicht wirklich gewachsen sein werden.
Wir und unsere Kinder verstehen nicht nur diese Sprache nicht mehr, sondern auch nicht den Kleinmut und das Zaudern angesichts plötzlicher Bereitschaft atembe!raubende Summen auszugeben, in Bereichen, wo es nur um Produkte oder ums bloße Geld geht und nicht um neugierige, lebensfrohe Kinder, die nicht einmal etwas Außergewöhnliches von uns wollen, sondern nur ihr Recht auf Bildung.
Zudem wird diese, unsere hoffnungsvolle Jugend, die Rechnung und Lasten, die Sie Ihnen jetzt aufbürden, später bezahlen müssen.
Deshalb müssen wir es endlich genug sein lassen mit dem Austausch von „leider zu konstatierenden Sachzwängen" und Vertröstungen! Wie unter solche katastrophalen Verhältnissen ein Doppeljahrgang 2011 gut vorbereitet Abitur ablegen soll, kann eben nur noch mit Hilfe von „Vogelstrauß"!Mentalität guten Gewissens vorstellbar sein.
Jetzt schon müssen SEK II Lehrer aus den 5. und 6. Klassen in die Oberstufen abgezogen werden und durch Kräfte aus dem Grundschul- und SEK I!Bereich ersetzt werden, oder mit Hilfe von Feuerwehrlehrkräften überbrückt werden. Unterricht in Prüfungsfächern fällt jetzt schon des Öfteren aus.
- Wie soll unter solchen Umständen überhaupt annähernd auf ein Zentralabitur 2011 vorbereitet werden?
- Wer kann solchermaßen inszenierter Fluktuation noch ein lerngünstiges Klima unterstellen wollen?
- Wer kann ernsthaft die zunehmende Beschleunigung bei gleichzeitig wachsender Stoffdichte unter diesen Rahmenbedingungen weiter als hinzunehmende Normalbelastung für Kinder und Lehrer deuten?
- Wie sollen die bestehenden Überlastungen der Lehrenden und Lernenden auch noch vermehrt werden können durch die Folgen, die mit der eigenverantwortliche Schule noch mehr bürokratische Aufträge ins Haus wachsen lassen?
- Wie soll guter Unterricht funktionieren, wenn eine Lehrkraft gleichzeitig bis zu 3 Klassen beaufsichtigen muss?
- Wie können vermehrte Erkrankungen, Burn!Out!Phänomene und wachsende Dünnhäutigkeit ursächlich gerade denen angelastet werden, die es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben, junge Menschen konstruktiv und geduldig zu unterweisen und beim Erwachsen Werden zu begleiten und zu beraten?
Wir fordern deshalb alle Verantwortlichen auf, keinen Tag länger das offenkundige gesellschaftliche Problem professionell auszusitzen, sondern sofort und nachhaltig in den Entscheidungsgremien Beschlüsse herbeizuführen, die kurzfristig eine personelle und materielle Unterstützung bringen (es brennt!) und langfristig wieder eine Atmosphäre schaffen, den Lehrerberuf anziehend für Studierende zu machen.
Damit diese Sichtweise nicht im OFF verpufft oder in Papierkörben unbemerkt verschwindet, halten wir es für nötig, dass in einer öffentlichen Aussprache mit Hilfe der großen Medien alle zusehen und zuhören können, wie in einem Sofortprogramm neue
Prioritäten zugunsten unserer Kinder festgeschrieben werden, die zeitnah als „Notverordnung" ein solidarisches Handeln aller zum Ausdruck bringen muss.
250 neue Lehrerstellen sind längst nicht genug!
Deshalb werden wir diesen öffentlichen Brief nicht nur an die Behörden und das zuständige Ministerium schicken, sondern auch an die Fraktionen des Landtages, die Verbände, die großen Zeitungen, Radio- und TV-Sender, damit sich a l l e in der Pflicht sehen vom Reden endlich zum Handeln im Interesse unserer Kinder zu gelangen. Wir werden weiter demonstrieren und auf die Straße gehen, bis Sie uns und unsere Kinder endlich „sehen"!
Vor diesem Hintergrund halten wir es auch nicht für sinnvoll, Behördengebäude zu sanieren oder Ähnliches, sondern Schulen auf den neuesten Stand der pädagogischen Erkenntnisse zu bringen, in denen die neuen Medien selbstverständlicher Bestandteil des täglichen Unterrichtsgeschehens sind.
Eine wirkliche - weil nicht nur rhetorische - Investition in die Zukunft unserer Kinder mit genügend Lehrerinnen und Lehrern, die die Zeit und die Kraft haben werden, hohe Anforderungen als willkommene Herausforderung sehen zu können und nicht als Alptraum im schulischen Alltag.
In der Hoffnung auf Ihre Einsicht und Hilfe,
für die Eltern




